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Alt 03.10.2009, 15:56   #1
Solveig
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Standard Werwolfmythos

Ich habe ja noch nicht allzu viel von Jung gelesen. Daher meine Frage:

Was sagt er über den Werwolfmythos?

Heißt es, dass man das Innerste nach Außen kehrt? Den Schatten bei Vollmond zeigt?

Würde mich über Antworten freuen.
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Alt 05.10.2009, 23:20   #2
Koronis
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Standard

Hallo Solveig!

Nach einigem Suchen habe ich eine Aussage Jungs über die Werwolfidee gefunden. Es fängt damit an, daß er hervorhebt, wie wichtig es ist, den Schatten, also die eigene Unvollkommenheit, nicht zu verleugnen, denn das wäre Selbstverleugnung. Die abgewehrten Eigenschaften würden sich aus dem Unbewußten heraus störend auswirken. In Phantasievorstellungen etc. würden sie in personifizierter Form auftauchen, z.B. als Werwolf. In diesem Zusammenhang verwendet Jung ein Plautus-Zitat: „Homo homini lupus.“ Auf deutsch: Der Mensch ist des Menschen Wolf.

Quelle: Jung C.G., Traumanalyse – Nach Aufzeichnungen der Seminare 1928 – 1930, Seite 103, 104


Liebe Grüße!

Koronis
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Alt 15.10.2009, 17:54   #3
Solveig
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Beiträge: 35
Standard

danke Koronis fürs Suchen - also eine Erklärung als unterdrückter Schattenanteil


habe noch mal ein wenig allgemein dazu gesucht:

Zitat:
Der Hass auf den Wolf zeigte die Verdrängung; im Werwolf bekämpften die Hexenjäger die Sexualität, im Werwolf bekämpften sie den Menschen , der nah an der Natur lebte. Adel und Bauern jagten den Wolf, als hätten sie den Teufel vor sich. Der Wolf wurde Sinnbild für Krieg, Hunger und Katastrophe.
Quelle

Zitat:
"Zu Beginn der frühen Neuzeit instrumentalisierten kirchliche und weltliche Mächte den Mythos vom Werwolf, um eine neue Ordnung zu etablieren. Genauso wie die Hexen wurden zehntausende Männer als Werwölfe und Zauberer verfolgt und angeklagt, weil sie mit dem Teufel paktierten. Heiden, Hirten, Heiler, Arme , Alte und Homosexuelle fielen als Sündenböcke für das kollektive Unglück der Werwolf-Hysterie zum Opfer . Die finsteren Zeiten liegen weit zurück, doch der Mythos lebt".
Quelle

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Alt 16.10.2009, 12:16   #4
marimar
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Hallo Solveig,

zwischenzeitlich habe ich auch nachgeschaut. Etliche Stellen in Jungs Werk zeigen den (Wer-)Wolf als symbolischen Ausdruck unserer "dunklen Seite", also des Schattens.

Die liebende und verstehende Akzeptanz des eigenen inneren Dunkels, der instinktnahen "Wolfsnatur" macht aus einem Menschen ein starkes, weitgehend unabhängiges Individuum, dass sich (auch) von seinen Instinkten, bzw. vom Unbewussten leiten lässt, also das, was Jung unter einem individuierten Menschen versteht.

Kirchliche und weltliche Mächte aber sind immer Ausdruck von Massen-Egoismus: "Es darf/kann nur Einen geben!" "...führe uns - wir folgen Dir!" Diese Mächte können nur solange überleben, wie sie es schaffen, mit Hilfe von Lügen, Intrigen, Manipulation, Druck und Drohung möglichst viele Einzelne daran zu hindern, ihre Schattenseite bzw. ihre Wolfsnatur bewusst zu machen und anzunehmen.

Leider kommt ihnen auch die Trägheit/Bequemlichkeit der Menschen dabei entgegen: Die halten sich sogar selbst unbewusst, indem sie sich mit unnötigem Konsum (und der dazu nötigen Arbeitszeit), niveauloser Unterhaltung und passiver Teilnahme an Sportveranstaltungen oder Spielen von sich selbst (vom inneren Dunkel ) ablenken lanssen. Letzteres ist ihnen einfach zu unbequem, zu anstrengend und macht Angst .

Ich glaube nicht, dass "gute Worte" oder der Hinweis auf nette, kleine Katastrophen, auch wenn sie den Untergang der Welt nach sich ziehen, dazu führen, dass Menschen sich dem zuwenden, was wirklich eine Änderung der gesellschaftlichen Zustände herbeiführen kann, nämlich dem Schatten (dem {Wer}wolf in sich/uns selbst). Eher glaube ich, dass es in "kritischen Zeiten" zu einem Rückfall des Bewusstseins ins finstere Mittelalter kommt. Es ist halt bequemer, Hexen und Werwöfle zu verbrennen (in Form anderer Menschen ) als sich im eigenen Inneren eben damit auseinanderzusetzen. Denn bei letzterem ist man auf sich allein gestellt - oh Mann! - gibt's etwas Verunsicherenderes?

Deshalb bin ich ziemlich gespannt darauf, welche Problemlösung das transpersonale (kollektive) Unbewusste - in Verbindung mit einigen wenigen (?) bewussten Ichs* - finden wird. Aber ich erwarte nicht, dies noch erleben zu dürfen. Evolutionäre Aufgaben nehmen sehr viel mehr Zeit in Anspruch als ein Menschenleben. Ach schade!
*) die sich dem Unbewussten dienend und kollektiv (!) bewusstseinsschaffend zur Verfügung stellen.

Liebe Grüße
marimar
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Geändert von marimar (16.10.2009 um 12:23 Uhr)
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Alt 16.10.2009, 22:39   #5
Bartosz
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Hi Solveig,

Ich bin neu hier. Also, Hallo. Bevor ich zum dem „Werwolf“ komme, wollte ich MARIMAR mitteilen, dass jemand dieses „Problem“ früher oder später lösen wird. Und die Lösung wird sehr Simpel sein, weil wir es schon immer konnten. Von Geburt an auf. Und C.G. Jung hat dafür eine großartige Vorarbeit geleistet. Ich bin sicher, dass wir es noch alle erleben werden.

Nun zum „Werwolf“. Ein persönlicher Traum / Erfahrungsbericht.
Ich hatte vor kurzem wieder einen Luiziden Traum: Ich lag in meinem Zimmer in meinem Bett und ein mächtiger „Werwolf“ kreuzte auf. Natürlich hatte ich schiss.
In anderen Träumen bin ich ihm schon bereits begegnet, wachte aber lieber auf, als mich mit ihm auseinanderzusetzen.
Nun war es aber Zeit, dass wir uns versöhnen. Ich habe somit meine heftige Angst überwunden und ließ es freiwillig zu, dass er mich verschlingt. Aber er fing an, mein Unterleib zu fressen. Es tat sehr weh, aber ich wusste, dass es nur ein Traum ist und versuchte mich nicht dagegen zu wehren. Es einfach geschehen lassen, mich entspannen. Aber nach kurzer Zeit schmeckte dem Werwolf mein Unterleib nicht mehr. Er spuckte die Eingeweiden wieder raus und ging. Ich wache auf, dabei entspannt sich mein Unterleib, es fühlt sich warm und durchblutet an.

Darauf ging ich die nächsten Tage in der Aktiven Imagination diesen Traum durch. Denn, wenn der Werwolf im nächtlichen Alptraum wieder auftaucht, kann ich mich noch schneller mit ihm versöhnen.

Und vier Tage später passiert es auch. Die gleiche Situation. Diesmal wirkte der Traum etwas realer, dennoch sehr beängstigend: Ich liege im Bett . Der Werwolf kommt plötzlich aus dem Nichts angesprungen. Diesmal etwas kleiner, aber genauso bedrohlich und Angst einflößend. Ich erkenne es sofort als Traum. Ich reagiere, entblöße mein Bauch und bitte ihn sein Hunger an mir zu stillen. Aber anstatt an meinem Bauch zu knabbern, konzentriert er sich auf meine Genitalien und beißt rein. Wieder sehr schmerzhaft, aber mit jedem Biss wird überraschenderweise mein Schmerz milder. Ich merke, dass sich der Werwolf langsam zu einem Menschen verwandelt, besser gesagt: er zieht sein Werwolfskostüm ab und bleibt als erwachsener Mann vor mir stehen. Ich fühle mich eher wie ein elfjähriger Schuljunge. Er hat jetzt ein Tucker in der Hand, und tuckert mir noch mal damit in die Genitalien. Aber der Schmerz bleibt gänzlich aus. Ich entspanne mich. Der Mann, ruhig und besonnen wirkend, sagt: „Ich bin gar nicht so schlimm, wie du denkst.“ Der Traum blendet sich aus. Ich wache auf. Wieder ein warmes Gefühl durchzieht mein Unterleib. Alle Verspannungen und ich wusste gar nicht, dass ich dort welche hätte, lösen sich auf.

Das ist jetzt nur meine persönliche Erfahrung mit dem „Werwolf“ in mir. Aber jeder hat sein Eigenen.

Schönes Wochenede

Liebe Grüße
Bartosz
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Alt 31.10.2009, 13:02   #6
marimar
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Hallo Bartosz,

ich melde mich jetzt erst, weil ich ein wenig Zeit zum Nachdenken brauchte. Zunächst: Willkommen im Forum!
Zitat:
Zitat von Bartosz Beitrag anzeigen
[...]Ich bin sicher, dass wir es noch alle erleben werden.[...]
Mit der Einschätzung des Zeitbedarfs bin ich etwas zurückhaltender. Grund:
Nach meiner Beobachtung hatten bisher praktisch alle Menschen , die sich intensiv mit archetypischen Inhalten des Unbewussten beschäftigten und dementsprechend von diesen ergriffen waren, die Vorstellung, noch zu ihren Lebzeiten bedeutende Wandlungen in der Außenwelt und im Verhalten der Menschheit zu erleben. Auch C.G.Jung erging es m. E. so.
Ich selbst machte da keine Ausnahme. In der Zeit, in der ich archetypisch kontaminiert war und mich mit Archetypen identifizierte, hielt ich einfach alles für möglich; und dass sich jede gravierende Änderung in der Welt in Kürze noch vor meinen Augen abspielen würde. Es war schon ein wunderbar grandioses Lebensgefühl - das absolute Gegenteil einer Depression .

Aber natürlich wandelte sich die Welt weder unter Jung, noch unter den früheren Denkern und Philosophen wirklich tiefgreifend und nachhaltig innerhalb kurzer Zeiten. Gesellschaftliche Umstürze, Kriege u. ä. betrachte ich nicht als wirkliche Wandlungen, denn mit diesen "Keulen des Urmenschen" sind wir immer schon umgegangen.
Und statt des "friedlichen, liebevollen Umgangs der Menschen im Wassermannzeitalter", erlebte ich das genaue Gegenteil: So etwa ab 1980 weniger Wir-Gefühl, mehr globalen Egoismus, Turbo-Kapitalismus, weiteren Niedergang der Wertschätzung menschlichen Lebens und menschlicher Werte. Dafür rasant beschleunigte Anbetung des Götzen Mammon. Ich habe das Gefühl, dass in den letzten 30 Jahren das Niveau kollektiver Bewusstheit eher abgesunken ist und dass der kollektive Schatten seinen Einflussbereich erweitert hat.

Mittlerweile kann ich den Grund für das erhebende Gefühl "jetzt wandelt sich alles zum Besseren" verstehen: In der Zeit, wo ein menschlich-endliches Ich mit Archetypen "flirtet" und sich mit ihnen identifiziert, bemerkt es nicht, dass das eigene Denken sich das Kontinuum der Unendlichkeit zu eigen macht, das zur Welt der Archetypen gehört. Ich drücke es mal etwas vermenschlicht aus: Wenn ein Archetyp das Gefühl hat, "in allernächster Zeit" deutliche Wandlungen zu erfahren, dann kann "allernächste Zeit" - übersetzt in menschliche Dimensionen - durchaus einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten, Jahrtausenden oder noch mehr bedeuten. Deshalb denke ich, es ist sinnvoll, sich als menschliches Sprachrohr des kollektiven Unbewussten in Geduld zu üben und bereit zu sein, die Früchte der eigenen Arbeit , sowie die seiner Vorgänger und Nachfolger Generationen zu überlassen, die erst sehr viel später geboren werden. Wer sich nicht darauf einstellen kann, wird früher oder später persönlich enttäuscht sein, weil er universales (Alle und Alles betreffende) Dinge auf seine eigene Person bezogen und egozentriert betrachtet hat.

Zitat:
Nun zum „Werwolf“. [...] Aber er fing an, mein Unterleib zu fressen. Es tat sehr weh, aber ich wusste, dass es nur ein Traum ist und versuchte mich nicht dagegen zu wehren. Es einfach geschehen lassen, mich entspannen. Aber nach kurzer Zeit schmeckte dem Werwolf mein Unterleib nicht mehr. Er spuckte die Eingeweiden wieder raus und ging. Ich wache auf, dabei entspannt sich mein Unterleib, es fühlt sich warm und durchblutet an.

[...] Aber der Schmerz bleibt gänzlich aus. Ich entspanne mich. Der Mann, ruhig und besonnen wirkend, sagt: „Ich bin gar nicht so schlimm, wie du denkst.“ Der Traum blendet sich aus. Ich wache auf. Wieder ein warmes Gefühl durchzieht mein Unterleib. Alle Verspannungen und ich wusste gar nicht, dass ich dort welche hätte, lösen sich auf.
Wenn der Werwolf für die Schattenseite des Menschen steht, und es gilt, sich diesen Schatten bewusst zu machen, ihn anzunehmen und mit ihm auszusöhnen, dann denke ich, dass sich dies symbolisch auch in Bildern ausdrückt, die ein aktives Hinwenden des Ichs zum Schatten darstellen. Das Ich sollte sich m. E. Teile des Schattens (also des Werwolfes) einverleiben und ihn so partiell in sich aufnehmen.

Ich frage mich, was es bedeutet, wenn die Traumbilder es umgekehrt darstellen. Mein Gefühl sagt, es sollte so nicht stehenbleiben. Vielleicht war das "Sich-zum-Teil-Verzehrenlassen" ja notwendig, damit sich der Werwolf zunächst in eine annehmbare (Menschen-)Gestalt wandeln konnte. Aber dann sollte eine Phase folgen, in welcher das Ich von sich aus aktiv auf den gewandelten Werwolf zugeht, und sich dessen Eigenschaften - in bekömmlichen Portionen - einverleibt. Damit ist jetzt nicht kannibalistische Symbolik gemeint, sondern eher eine freundschaftlich-wohlwollend verstehende Aufnahme dessen, was den Werwolf-Menschen ausmacht.

Aber vielleicht haben sich Deine Träume ja bereits damit beschäftigt.

Liebe Grüße
marimar
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Geändert von marimar (31.10.2009 um 13:11 Uhr)
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Alt 31.10.2009, 23:32   #7
Koronis
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Hallo marimar,
hallo Bartosz!

Zitat:
Das Ich sollte sich m. E. Teile des Schattens (also des Werwolfes) einverleiben und ihn so partiell in sich aufnehmen.
Über das Verinnerlichen der archetypischen Bilder als Entwicklungsaufgabe hat sich Erich Neumann geäußert. Ihm zufolge wird die Individuation von Introjektionsprozessen begleitet, in denen kollektive Motive als zur eigenen Person gehörig erkannt werden. „… das ichzentrierte Bewußtsein … bekommt immer größeres ‚Gewicht’, je mehr Inhalte es nach innen genommen hat“. (Neumann Erich, Ursprungsgeschichte des Bewußtseins, Seite 344) Diese Integration nennt Neumann auch Personalisierung bzw. Verebenbildlichung, also Angleichung der Gestalt. Aus dem Wolf wird ein Mensch . Anders formuliert: Das Selbst verwirklicht sich im Ich. Die alchemistische Bezeichnung dafür ist coagulatio .

Nach meinem Verständnis findet parallel dazu der umgekehrte Vorgang statt. Das „Wolfsfutter“ (Bewußtseinsmaterial) dient als Nahrung für die Seele. Die Verebenbildlichung geschieht auch hier. Der Mensch verwandelt sich in einen Wolf. Mit anderen Worten: Das Ich wird Bestandteil des Selbst. In der Alchemie nennt sich diese Erfahrung sublimatio. Auf symbolischer Ebene entspricht ihr u.a. das Bild des Zermahlens bzw. Zermalmens, z.B. durch die Zähne eines Raubtiers.

Was dies psychologisch bedeutet, erklärt Edward Edinger:

„Psychologisch ausgedrückt ist es eine Offenbarung der archetypischen Psyche, die von der personalen Icheinstellung befreit, so daß man sich als einen Unsterblichen erleben kann – d.h. als mit archetypischen Wirklichkeiten lebend und einen Beitrag zur archetypischen Psyche leistend.“ (Edinger Edward F., Der Weg der Seele, Seite 163)

In der beschriebenen parallelen Entwicklung sehe ich eine wechselseitige Assimilation zur beiderseitigen Bereicherung. Jung postulierte: „Alle Wirkungen … sind gegenseitig, und nichts wandelt ein anderes, ohne selber gewandelt zu werden.“ (Jung C.G., Mysterium Coniunctionis , 2. Band, Seite 314)

Im Traum von Bartosz fließen die beiden Prozesse (coagulatio und sublimatio) m.E. ineinander.


Viele Grüße

Koronis
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Alt 06.11.2009, 21:39   #8
Bartosz
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Hi marimar,
Hi Koronis,

Vielen Dank für das Schreiben. Leider habe ich hier viel zu tun, deswegen die späte Rückmeldung.

Aus der Sicht des Geistes gibt es kein Raum, keine Zeit. Kein Subjekt, kein Objekt. Alles ist gleich. Ein Kollektiv.

Was ist, wenn der eigene Traumkörper, also das Traum-Ich schon immer der Geist gewesen ist und die ganze Traumwelt herum dem Ich / dem Körper gehört. Das wäre auf jeden Fall eine nette Erklärung, warum man im Traum durch die Wände gehen oder überhaupt fliegen kann.

Was ist, wenn alles Versöhnende „geistig“ ist? Und alles was trennt, immer auf das Konto vom „Ich“ geht?

Wenn man alles im Traum miteinander und mit sich selbst versöhnt, ohne Rücksicht auf die Situation, Symbolik. Schmerz oder den Tod. Was passiert mit dem Traum? Was wird mit der Realität passieren? Ist vielleicht doch beides ein und das gleiche. Die Wirklichkeit und der Traum sind ja nur gespiegelt, alles andere macht für mich weniger Sinn. Der Traum basiert immer auf der eigenen Vorstellung von Ort und Zeit. Beides existiert aus der Sicht des Geistes aber nicht. Es ist immer die eigene Fiktion, die im Traum zeitlich verdichtet wird.
Deswegen ist im Traum der gegenüberstehende Raum / Körper / Figur „Werwolf“ so brutal oder auch großartig, aber immer wieder wuchtig.
Und Symbolik ist nichts anderes, als verdichtete Zeit von Wünschen oder Ängsten. Wenn man also die Zeit und den Raum im Traum auflöst / aufhebt, was ist dahinter?

Es ist irrelevant, ob davon hier etwas stimmt oder nicht. Das schöne ist, wir Leben in einer Zeit, wo wir in unserer Vorstellungskraft zu allen unseren Gedanken/Emotionen/Talenten (egal ob positiv oder negativ), in jedem Moment unseres Alltags nein sagen können, ohne Angst dafür bestrafft zu werden. Oder es gesellschaftlich/moralisch zu hinterfragen oder überhaupt daran festhalten zu müssen.
Wir können uns von allen Denksystemen, Religionen, eigenem Geschlecht, Leben / Tod, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, guten und schlechten Erinnerungen, Erwartungen, mental trennen. Einfach zu allem Gedanken und Emotionen „NEIN“ sagen, ohne Rücksicht zu nehmen, was mit einem passiert. Übrig bleiben mach C.G. Jung die Intuition und das Empfinden , die Eigenschaften die dem Kollektiv zugerechnet werden.

Und nach ihm ist das ICH nur eine durch Erfahrung erlernte Maske , eine Einbildung. Und jede Einbildung kann man schlussendlich auflösen.

Deswegen bin ich mir so sicher, dass es früher oder später einer Frau oder einem Mann gelingen wird (höchstwahrscheinlich mit Hilfe des Traumes), das eigene Ich aufzulösen.

Zum ersten Mal hat der Mensch die Chance, die Ruhe und die Zeit in jedem Moment zu allem was er denkt und fühlt, besser gesagt, dass was er bewertet (positiv oder negativ), mental nein zu sagen: Die Gegensätze zu vereinen / zu entemotionalisieren. Somit das Subjekt und Objekt in Gedanken / Vorstellungskraft sowohl im Alltag wie im (Alp)Traum gleichzeitig gleichzusetzen / zu versöhnen.

Das gleiche gilt hier nun für den „Werwolf“. Wenn man sich dem Drama, also dem Alptraum nicht stellt, kann man nichts dazulernen.
So wie im echten Leben : Die Flucht / Angst vor dem eigenem Drama / Konflikt ist keine Lösung. Deswegen ist die Traumarbeit ein Lernprozess, der aber aktiv und auf individuelle Weise bestritten werden muss. Denn die Versöhnung mit sich selbst muss aktiv erlernt werden.

Somit ist / sind die Symbolik / die Archetypen schließlich weniger relevant. Denn es ist weniger wichtig, mit was man sich im Traum versöhnt, sondern viel wichtiger ist es, dass man sich mit Ihnen versöhnt. Denn im Traum braucht man für die eigene Versöhnung (mit sich selbst) kein Wissen.



Ein schönes Wochenende und viele Grüße


Bartosz
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Alt 07.11.2009, 01:24   #9
marimar
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Hallo Bartosz,

ich befürchte, Du hast mich an die Grenzen meiner geistigen Kapazität gebracht!

Zitat:
Zitat von Bartosz Beitrag anzeigen
[...] Was wird mit der Realität passieren? Ist vielleicht doch beides ein und das gleiche. Die Wirklichkeit und der Traum sind ja nur gespiegelt, alles andere macht für mich weniger Sinn. Der Traum basiert immer auf der eigenen Vorstellung von Ort und Zeit. Beides existiert aus der Sicht des Geistes aber nicht. Es ist immer die eigene Fiktion, die im Traum zeitlich verdichtet wird.
Was macht Dich so sicher, dass Träume immer auf der eigenen Vorstellung von Ort und Zeit basieren? Ich habe schon oft Träume erlebt, deren Handlung, Ort und Zeit ich in meinem bewussten Ich nicht annähernd entdecken konnte. Und die Themen, um die es in meinen Träumen geht, wechseln recht häufig und deutlich, während mein Alltagsleben und das, womit ich mich ganz praktisch beschäftige, um zu (über-)leben, eher gleichförmig verlaufen. Mit anderen Worten: Meine Träume überraschen mich häufig mit abwechslungsreichen Handlungen und Themen. Manchmal bin ich höchst erfreut; meistens, wenn ich Traumgestalten des weiblichen Geschlechts sehr nahekomme und dabei spüre, dass auch sie mich mögen und unsere Intimitäten genießen - und dass ich mich auf sie als Beraterinnen / Helferinnen verlassen kann. Und dann, ohne, dass sich in der Außenwelt etwas Gravierendes geändert hat, kämpfe ich plötzlich in einer Nacht (oder auch in mehreren hintereinander) um mein Leben , flüchte, töte, muss Schmerzen aushalten und wache mit Herzklopfen und schnellem Atem auf.

Ich glaube daher nicht, dass Träume immer auf eigenen (vom Ich ausgehenden), verdichteten Fiktionen beruhen. Nach meiner Vorstellung sind Träume ein Dialog zwischen Ich und Nicht-Ich, wobei "Nicht-Ich" sowohl das persönliche, als auch das familiäre, aber natürlich auch das transpersonale (kollektive) Unbewusste sein kann. Aber vor allem glaube ich, dass alles Nicht-Ich auch wirklich autonome Vorstellungen und Absichten hat, mit denen es das Ich sowohl im Alltagsleben als auch in den Träumen konfrontiert: "So sehe ich (Unbewusstes) es! Was sagst Du (Ich) dazu?"

Du benutzt den Begriff "Geist". Ich nehme an, damit ist nicht der "bewusste Geist" gemeint, sondern habe das Gefühl, dass Du damit dasselbe meinst, was der Begriff "transpersonales bzw. kollektives Unbewusstes" ausdrückt; ein immaterielles (also geistiges, energetisches) Etwas, das nicht einem Menschen , sondern allen zu eigen ist - und vermutlich auch noch weit darüber hinausgeht.

Zitat:
[...]
Und Symbolik ist nichts anderes, als verdichtete Zeit von Wünschen oder Ängsten. Wenn man also die Zeit und den Raum im Traum auflöst / aufhebt, was ist dahinter?
Zeit und Raum sind untrennbar mit allem verbunden, was nur in materieller und damit endlicher Form existieren kann, z. B. mit uns Menschen und unseren bewussten Ichs. Der Wesenskern des Letzteren ist zwar ebenfalls immateriell, aber nach aller Erfahrung kann ein Ich nur dann existieren, wenn es unmittelbar mit einer organischen, neurobiologischen Struktur verbunden ist. (Bildhafter Vergleich: Software (=Ich) ist tot, wenn sie nicht gerade in energieversorgter Hardware (Gehirn) residiert.) Und dass ein Ich eines Morgens aufwacht und sich plötzlich in einem anderen Körper vorfindet, gibt es nur in Büchern und Filmen. Wenn ein Psychotiker die Vorstellung hat, er befinde sich in einem fremden Körper, dann kann in der Regel außer ihm selbst das niemand nachvollziehen. Vermutlich handelt es sich dabei um seine (meist vorübergehende) subjektive Wahrnehmung .

Wenn man Zeit und Raum, also die Endlichkeit (!) auflöst/aufhebt, dann befindet man (bzw. das, was dann vom eigenen Ich noch übrig ist) sich im unendlichen Immateriellen. Du nennst es "Geist", ich "Unbewusstes" - aber der Name dürfte ihm gleichgültig sein. Ich bin überzeugt, dass es keine große Rolle spielt, ob man die Auflösung im Traum (Innenwelt) oder im Wachzustand (Außenwelt) erlebt: Es kommt fast dasselbe dabei heraus - mit dem kleinen Unterschied, dass das Traumerlebnis lediglich ein "Fenster in das unendliche Immaterielle" zur Verfügung stellt, so dass am Ende des Traums das Ich sich doch wieder in der materiellen Endlichkeit vorfindet - und weiterleben, -denken und -handeln kann.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass im Moment des realen Todes ein Ich dasselbe erlebt: Raum und Zeit lösen sich auf, das Ich aber auch. Die körperlichen Bestandteile des Menschen gehen ins materielle Recycling zurück, während das, was einmal "Ich" war ins immaterielle Recycling wandert und eins wird, mit dem transpersonalen Unbewussten.

Und dann gibt es noch einige, die mit dieser Auflösung nicht bis zum Tod warten können (oder wollen?). Die machen und tun und probieren alles Mögliche, um bereits während des Lebens Raum und Zeit aufzulösen - und das eigene Ich bei der Gelegenheit auch gleich mit. Wenn dies schließlich geschieht, wundern sie sich nicht einmal mehr darüber, weil eben das Ich, was sich wundern könnte, nicht mehr da ist, sondern aufgelöst im Ozean des Unbewussten. Es sind die Mitmenschen, die sich dann wundern (oder auch nicht) und im allgemeinen ein Etikett wie "Schizophrenie", oder - etwas weniger dramatisch - "Dissoziation", "Borderline" etc. vergeben.

Zitat:
Es ist irrelevant, ob davon hier etwas stimmt oder nicht. Das schöne ist, wir Leben in einer Zeit, wo wir in unserer Vorstellungskraft zu allen unseren Gedanken/Emotionen/Talenten (egal ob positiv oder negativ), in jedem Moment unseres Alltags nein sagen können, ohne Angst dafür bestrafft zu werden. Oder es gesellschaftlich/moralisch zu hinterfragen oder überhaupt daran festhalten zu müssen.
Wir können uns von allen Denksystemen, Religionen, eigenem Geschlecht, Leben / Tod, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, guten und schlechten Erinnerungen, Erwartungen, mental trennen. Einfach zu allem Gedanken und Emotionen „NEIN“ sagen, ohne Rücksicht zu nehmen, was mit einem passiert. Übrig bleiben mach C.G. Jung die Intuition und das Empfinden , die Eigenschaften die dem Kollektiv zugerechnet werden.

Und nach ihm ist das ICH nur eine durch Erfahrung erlernte Maske , eine Einbildung. Und jede Einbildung kann man schlussendlich auflösen.
Ich glaube, Du hast Recht: Wir können zu allem, was wir sind oder zu sein glauben auch "Nein!" sagen. Aber letzten Endes sagen wir damit auch zum Leben in unserem menschlichen-materiellen Körper "Nein!", also zu allem, was uns als "menschliches Leben " in der Außenwelt bekannt ist. Diese Konsequenz sollte jedem, der nach Ich-Auflösung (oder Raum-Zeit-Auflösung) strebt, bewusst sein. Mit dieser Auflösung endet zumindest das übliche soziale Leben des Betroffenen, denn er wird der Gesellschaft keine große Hilfe mehr sein können. Die menschliche Gesellschaft braucht bewusste Ichs. Mit aufgelösten Ichs kann sie nicht viel anfangen.

Ja, das Ich bildet sich erst durch Erfahrung heraus: Zuerst durch die Erfahrung mit den Bezugspersonen, dann durch immer weiter gezogene Kreise in der Außenwelt, aber auch durch Selbst- und Innenwelt-Erfahrungen. Jetzt aber den Schluss zu ziehen, es sei nur eine Maske, wäre fatal. Dieses "Ich" ist immerhin das, was überhaupt feststellen kann: "Ich bin, ich denke, ich lebe, und ich unterscheide mich von anderen Ichs!" Ohne "Ich" gäbe es keine Selbst-Erkenntnis, keine Erkenntnis des Selbst. Das heißt, auch das universale Selbst könnte sich nicht weiter entwickeln. Die Evolution könnte den Schritt vom kollektiven Unbewussten zum kollektiven Bewussten nicht gehen. Ich glaube, sie wäre stinksauer darüber, wenn viele Menschen auf die Idee der vorzeitigen Ich-Auflösung kämen! Wie viele Jahrzehntausende der Ich-Entwicklung und Selbst-Erfahrung wären nutzlos vertan!?

Zitat:
Deswegen bin ich mir so sicher, dass es früher oder später einer Frau oder einem Mann gelingen wird (höchstwahrscheinlich mit Hilfe des Traumes), das eigene Ich aufzulösen.
Ja, es geschieht bereits immer mal wieder. Wenn ich noch richtig informiert bin, dann erleidet ca. 1 Prozent aller Menschen dauerhaft oder vorübergehend diesen Zustand während des Lebens. Die übrigen 99 Prozent erreichen ihn letztendlich auch: beim Tod, der Trennung von Materie und Immateriellem.

Zitat:
Zum ersten Mal hat der Mensch die Chance, die Ruhe und die Zeit in jedem Moment zu allem was er denkt und fühlt, besser gesagt, dass was er bewertet (positiv oder negativ), mental nein zu sagen: Die Gegensätze zu vereinen / zu entemotionalisieren. Somit das Subjekt und Objekt in Gedanken / Vorstellungskraft sowohl im Alltag wie im (Alp)Traum gleichzeitig gleichzusetzen / zu versöhnen.
Wenn Subjekt und Objekt wirklich gleichgesetzt sind*, werden Raum und Zeit aufgehört haben, zu existieren - und damit das uns bekannte irdische Leben mit all seinem Stress, Ärger aber auch mit seinen wunderbaren Genüssen aller Art!
*) Geschieht dies einem Menschen, ist es halt sein "persönlicher Weltuntergang". Würde es uns allen gleichzeitig geschehen, wäre es der "kollektive Weltuntergang". Seltsamerweise finden sich immer wieder Einzelne, die ihren persönlichen Weltuntergang im voraus erahnen, ihn aber für ein kollektives Schicksal halten. Das sind dann die Prediger (oder Filmemacher) der Apokalypse . Die wachsen immer wieder nach und kommen mit immer neuen Daten heraus. Gerade läuft ein Film in den Kinos, der uns 2012 schmackhaft machen will. 2 Jahre später wird jemandem was Neues einfallen. Bisher musste der "kollektive Weltuntergang" immer wieder verschoben werden. Dennoch lässt sich seine Vorstellung nicht ein für alle Mal verbannen. Das legt den Verdacht nahe, dass es immer wieder Einzelne gibt, in denen der Wunsch nach Untergang (bzw. Raum- und Zeitauflösung) geradezu ein Bedürfnis ist.

Zitat:
[...]
Somit ist / sind die Symbolik / die Archetypen schließlich weniger relevant. Denn es ist weniger wichtig, mit was man sich im Traum versöhnt, sondern viel wichtiger ist es, dass man sich mit Ihnen versöhnt. Denn im Traum braucht man für die eigene Versöhnung (mit sich selbst) kein Wissen.
Einverstanden: Wissen wohl nicht unbedingt, obwohl es nicht schaden kann, viel zu wissen, sofern das Ich sein Wissen im Zaum halten und trotzdem unvoreingenommen neugierig sein kann. Aber eines ist unverzichtbar - Bewusstsein! Und dazu braucht es ein Ich, das in sich festen Zusammenhalt hat. Nur dann kann es sich dem Gegenüber, dem Nicht-Ich, dem "Geistigen" oder dem "Unbewussten" sinnvoll stellen.

Jetzt fallen mir die Augen zu...
Gute Nacht
marimar
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Geändert von marimar (09.11.2009 um 18:09 Uhr)
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Alt 18.11.2009, 20:47   #10
Sandspieler
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[QUOTE=Bartosz;327

Das ist jetzt nur meine persönliche Erfahrung mit dem „Werwolf“ in mir. Aber jeder hat seine Eigenen.

[/QUOTE]

Ich wollte nur mal kurz an dieser Stelle auf einen neuen (kollektiven?) Werwolfmythos hinweisen:
http://www.kino.de/kinofilm/wolfman/trailer/105158.html
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