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Alt 26.09.2008, 10:00   #1
Esel
Esel
 
Registriert seit: 23.09.2008
Ort: Heidelberg
Beiträge: 27
Standard Der Baader-Meinhof-Komplex

Liebe Teilnehmer,

momentan wird ja nun wieder anlässlich des Kinofilms über die RAF heiß über den deutschen Herbst usw. diskutiert. Vielleicht möchten einige von euch in eine Diskussion unter tiefenpsychologischem Vorzeichen einsteigen, um die Ereignisse und die Psychodanmiken der Täter zu beleuchten?

Ich würde mich jedenfalls freuen...
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Alt 13.10.2008, 12:47   #2
marimar
...noch'n Aquarius...
 
Benutzerbild von marimar
 
Registriert seit: 19.07.2008
Ort: Ruhrgebiet
Beiträge: 150
Standard

Lieber Esel,

jetzt habe ich sehr lange darüber nachgedacht, bevor ich hier poste. Ich bin bezüglich solcher Komplexe etwas ratlos und halte sie für eine psychische Entgleisung radikaler Einzelner, die allerdings immer wieder Sympathien und Mitläufer in der Masse finden.

Ich erinnere mich noch, wie hoffnungsvoll ich selbst Anfang der 1970er Jahre war. Endlich ein Ende dieser autoritären Bevormundung durch eine Generation, die den Faschismus noch am eigenen Leibe erlebt, darunter gelitten oder aber ihn genossen hat und - vielleicht in der Manier der "Identifikation mit dem Aggressor" oder in der "idealisierten Nachahmung" sich unbewusst selbst faschistisch-autoritär-dominant-intolerant-rigide verhielt und - ohne es weiterhin offen so bezeichnen zu dürfen - genau so faschistisch weitermachen wollte. Vor allem erinnere ich mich an mein Gefühl des "sich öffnenden Herzens", das die ganze Welt einschloss.

Das war schlagartig vorbei, als der weltweite "Aufbruch der freien Liebe " durch gewalttätig revolutionäre Aktionen abgelöst wurde. Ich glaube, dass Menschen einfach nicht "gescheit werden". Über Jahrtausende gab es immer wieder irgendwelche "Revolutionen". Und wenn ich mir heute so ansehe, was in der globalisierten Welt so vor sich geht, denke ich, dass keine der Revolutionen und natürlich auch kein anderer versuchter (oder scheinbar "geglückter") gewaltsamer Umsturz irgendeinen Sinn hatte.

Was immer in den "Baader-Meinhofs" vorging - wie auch in allen anderen Menschen , die irgendeinen Zustand 1.) schnell und 2.) mit Gewalt ändern wollten, beruht m. E. auf einem Mangel bewusster Reflexion. Klar: Jede gesellschaftlich praktizierte Einseitigkeit ruft im kollektiven Unbewussten ihren archetypischen Gegensatz auf den Plan. Die Energien, mit denen diese kompensieren wollenden Archetypen dann die Ichs empfänglicher Individuen überschwemmen, sind offenbar so massiv und haben so überzeugenden Charakter, dass die Betroffenen nicht anders können, als blitzschnell und unbewusst eine passende Theorie zu entwickeln, um sich selbst die Legitimation zu erteilen, der blinden Gewalt des Archetypen die eigenen Handlungsmöglichkeiten und sich selbst damit als "exekutives Organ" zur Verfügung zu stellen.

Ich halte mich nicht für kompetent genug, über die notwendigen Voraussetzungen zu spekulieren, die gegeben sein müssen, damit man oder frau sich "mit flammendem Herzen" den Archetypen als "ausführender Revoluzzer" zur Verfügung stellt. Aber nach meiner Meinung ist es bloß dieses "kurzlebige" menschliche Ich, das so ungeduldig ist und glaubt, "mal eben" mit ein paar gewalttätigen Aktionen die Welt dauerhaft verändern zu können. In diese Überlegung schließe ich - vielleicht naiverweise - auch von Staaten geführte Kriege mit ein. "Lets roll! Das wird ein Sonntagsspaziergang!" Mit solchen und ähnlichen demagogisch-mutmachenden kollektiven Marschbefehlen soll letztlich nur das persönliche Machtinteresse einiger Weniger befriedigt werden, die nichts anderes haben, als ihr ach so kurzes Leben , gepaart mit einem ordentlichen Maß an Schizoidie, die ihnen vorgaukelt, sie selbst seien noch das kleinste Übel in dieser Welt, alle anderen seien schlimmer, so dass sie permanent denken : "Hilfe, ich bin von zu Allem fähigen Vollidioten umzingelt!".

Während des Schreibens merke ich ganz deutlich, wie tief in mir etwas die "Baaders & Meinhofs" nur als winziges Detail in einem viel größeren Menschheitskomplex betrachtet. Wären B&M keine Individuen gewesen, sondern eine staatlich betriebene, anerkannte Organisation, dann wären vermutlich ihre gewalttätigen Interventionen genau so unter den Tisch geschwiegen, heruntergespielt oder sogar als "im Dienste der allgemeinen Sicherheit erforderlich" etikettiert worden, wie es heute mit den entsprechend gewalttätigen Interventionen von Geheimdiensten oder sogenannter Sicherheitsorganisationen geschieht. Lediglich die Tatsache, dass sich eine offenbar kleine private Gruppe der gleichen Gewaltmittel bedient, von denen Staaten proklamieren, nur sie hätten das Monopol, diese als "Lizenz zum Töten" zu besitzen, war m. E. die "Ungeheuerlichkeit" die sich "RAF" bzw. "B&M" angemaßt hatte. Genau das konnte der "Staat" nicht durchgehen lassen. Das wäre ja vergleichbar mit dem - heute allerdings fast üblichen - Eingeständnis von Eltern heranwachsender Kinder: "Ihr habt ja Recht. Wir sind es, die im Leben und bei Eurer Erziehung versagt haben. Okay, wir geben uns geschlagen - Ihr habt ab jetzt das Sagen.
(Upps - das reimt sich ja, und immer wenn's sich reimt, muss ich in Erwägung ziehen, dass da mal wieder so ein Archetyp sich meines Geistes bedient hat.... Die scheinen Reime und Verse zu lieben . Rein subjektive Empirie.)

Dieser von mir erwitterte Menscheitskomplex hat m. E. etwas damit zu tun, dass uns Menschen die Sinne dafür fehlen, zu begreifen, dass jeder Einzelne von uns nur eine ganz kleine Zelle in dem einen universalen Wesen ist, das existiert: dem Selbst. Solange uns diese Sensoren fehlen, werden sich unsere Ichs stets wie Krebszellen in einem menschlichen Organismus verhalten, sobald der entsprechende Archetyp von ihnen Besitz ergreift: Sie werden - ohne Rücksicht auf den Gesamtorganismus "Selbst" - versuchen, sich zu vermehren wie blöd und sich das größte Stück vom vermeintlichen Kuchen abzuschneiden. Dass sie sich letztlich nur selbst umbringen, erkennen sie nicht, dank ihrer gnädigen Unbewusstheit.

Ich glaube es wird irgendwann einfach die ichhafte Ungeduld und das ausschließliche Denken an seinen eigenen Vorteil (und vielleicht den des "eigenen Clans") sein, die eines Tages dafür sorgen wird, dass sich unsere Welt in ihre Bestandteile zerlegt. Das kollektive Unbewusste hat m. E. alle Zeit des Universums. Das von ihm tangierte Ich leider nicht. Wir, bzw. die uns nachfolgenden Generationen, dürften daher noch diverse solcher individuellen oder staatlichen Unfassbarkeiten erleben.

Liebe Grüße
marimar
__________________
Vocati atque non vocati deus deaque aderunt.

Geändert von marimar (14.10.2008 um 10:01 Uhr)
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