Christiane Monshausens "Anstößige Gedanken zur Überwindung eines noch immer vorhandenen Tabus" im Jung-Journal 22, dessen Thema die "Suche nach einer zeitgemäßen Spiritualität" ist, sprechen mir aus dem Herzen.
Die patriarchal-monotheistischen Religionen sind leider durchweg von Leibfeindlichkeit gekennzeichnet. Der Körper hat zu schweigen, sich der Herrschaft des Geistes zu beugen und gefälligst in dessen Sinn zu funktionieren. Das wurde uns so massiv eingeprägt, dass wir nicht einmal mehr an der Einseitigkeit des Begriffs "
Spiritualität" Anstoß nehmen. Wir fragen uns nicht, warum wir so einseitig dem "Spirituellen", dem "Geistigen" bewusste
Aufmerksamkeit 
zubilligen, während wir das "Körperliche" zumeist lediglich benutzen, ohne auch ihm bewusste Hinwendung zu schenken.
Das "Spirituelle", das Geistige bzw. das Immaterielle in uns ist aber nur
eine Seite dessen, was uns
Menschen 
zum
Leben 
in der Außenwelt befähigt. Wäre da nicht das absolut gleichwertige und gleichwichtige Materielle, nämlich unser Körper, so existierten lediglich unsere Gedanken im Raum des kollektiv Psychischen, vermutlich sogar ohne jeden konkreten Ich-Bezug. Diese Gedanken allein wären unfähig, sich zu verwirklichen und zu handeln (wie auch - ohne Hände!). Ohne handlungsfähige Körper geschähe nichts in der Welt. Ohne Körper wäre kein Bewusstsein entstanden, denn Bewusstheit entsteht durch Unterscheidung. Die aber vollzieht sich nur in der materiellen Endlichkeit.
Ich frage mich, wie es geschehen konnte, dass das Geistige eine solche Vorherrschaft für sich beansprucht. War es Mangel an Verstand oder war es eher das Machtstreben des Geistigen, was dafür sorgte, dass so viele von uns das Körperliche lediglich als Transportvehikel und als Apparat zur Fortpflanzung betrachten? Mein Verdacht bezieht sich eher auf letzteres.
Das "männlich-väterliche" Geistige (Paterielles*) scheint zu glauben, "es könne nur Eines geben" und gaukelt uns - wo immer möglich - eine Minderwertigkeit des "weiblich-mütterlichen" Körperlichen (Materielles) vor. Vielleicht ist es auch bloß eine Fehlbewertung von (geistiger) Unendlichkeit und (materieller) Endlichkeit. Aber alles unendliche Geistige wäre ziemlich aufgeschmissen ohne seine endliche materielle Exekutive.
*) Stimmt, das ist eine Wortneuschöpfung. Unsere Sprache kennt das Gegenteil von "Materiell" bloß als "Immateriell". Damit verschleiert sie, dass sich Materielles (Körperliches) und Paterielles (Geistiges) gegenseitig notwendig und gleichwertig ergänzen muss, um Leben
entstehen lassen und erhalten zu können.
Der im Artikel verwendete Begriff "spirituelle Sexualität" (das, was ernsthafte** Tantriker zelebrieren, wenn Sie ihren Körper der männlichen und weiblichen Gottheit als "Liebestempel" öffnen) ist ein Versuch diese beiden Gegensätze zu einen und damit schon ein Schritt in die richtige Richtung. Weil wir aber unter "Sexualität" das spezielle Tun verstehen, womit sich die Geschlechter verbinden, plädiere ich hier dafür, einen Schritt weiterzugehen und nicht nur die Sexualität, sondern
alles Körperliche mit dem Spirituellen zu vereinigen.
**) Das, was viele unter "Tantra" verstehen, dürfte allerdings genau so zweckentfremdet sein, wie "ausgebeutete Sexualität".
Welcher Begriff wäre geeignet, es eindeutig auszudrücken, dass wir uns mit bewusster
Aufmerksamkeit 
der
gleichwertigen Verbundenheit von Geist und Körper zuwenden müssen, wenn wir die Gegensätze "Spiritualität" und "Materialität" als ein lebendiges Ganzes begreifen wollen? Ganzheit in diesem Bereich brächte nicht nur "Geist und
Fleisch 
", sondern auch "Mensch und Gott" sowie "Weiblich und Männlich" einander näher.
Liebe 
Grüße
marimar